In einem Hinterhof in der Potsdamer Straße steht heute, vom Bombenhagel des Weltkriegs unversehrt, ein wunderschönes Gründerzeitgebäude aus rotem Backstein mit hohen Fenstern. Dort befand sich zwischen 1893 und 1910 die erste deutsche Mal- und Zeichenschule nur für Damen, betrieben vom Verein Berliner Künstlerinnen. Sie war wie ein Ausrufezeichen aus Stein gegen die Benachteiligung von Frauen, das man direkt vor die Nase des Privathauses des damaligen besonders frauenfeindlichen Direktors der Hochschule der Künste, Herbert von Werner, gesetzt hatte.

Frauen war der Zugang zu einer Staatlichen Kunstakademie bis 1919 verwehrt. In der Berliner Mal- und Zeichenschule in Berlin, gegründet 1867, konnten die Frauen professionell malen und zeichnen lernen. Die Künstlerin Käthe Kollwitz unterrichtete hier, zu den Schülerinnen gehörten Größen wie Lotte Laserstein, Julie Wolfthorn oder Paula Modersohn-Becker. Schon damals feierten die Künstlerinnen legendäre Maskenbälle, setzten damit einen Kontrapunkt zu den dekadenten höfischen Bällen, die der Adel veranstaltete.

Der Verein der Künstlerinnen, der momentan in der Eisenacher Straße in Schöneberg residiert, wird seine Räume demnächst durch Kürzungen des Senats verlieren. In den Räumlichkeiten, in denen der Verein bildender Künstlerinnen Akte zeichnete und malte, findet am 8. November wieder der Ball der Künstlerinnen statt. Wer kein Kostüm hat, kann am Sonntag zwischen 15 und 19 Uhr zum Kostümatelier ins Camaro Haus kommen und sich beraten lassen, basteln oder ausleihen. Davor beginnt die Reihe der Schubertiaden, intime Kammermusik-Erlebnisse. Die Morgenpost traf die Macher hinter den Events und ließ sich erklären, was diese mit der Geschichte des Hauses zu tun haben.

Camaro-Stiftung rettete das Gebäude
Nachdem der Kunstverein für Frauen 1910 nach Schöneberg umgezogen war, erlebte das Haus an der Potsdamer Straße eine bewegte Geschichte. Später zog hier der Rotbuchverlag ein und eine Yoga-Oase. Bevor das Gebäude in Luxuswohnungen umgewandelt werden sollte, konnte die Camaro Stiftung es erwerben.
Zur Geschichte des Hauses gehört auch, dass Albert Speer 1941 einen Lastenaufzug einbauen ließ, der noch heute in Betrieb ist. Das Gebäude war während des Zweiten Weltkrieges als Flak-Beobachtungsstation umgerüstet worden. 1940 war Berlin erstmals durch die Royal Air Force bombardiert worden.

Das Camaro Haus, wie es heute heißt, war 2009 als Sitz der Alexander und Renata Camaro Stiftung entstanden. Dort wird seither der Nachlass des Künstlerpaares Renata Camaro (1934-2009) und Alexander Camaro (1901-1992) gepflegt. Die Stiftung wurde mit der Initiative des Bruders von Renata Camaro, Theodor Gentner, ins Leben gerufen, aktuell ist Dr. Thomas von Brück Vorsitzender der Stiftung. Die Künstlerische Leitung und Co-Vorständin Paula Anke ist nicht nur Mitglied im Verein der Künstlerinnen, sondern auch die Nichte des Künstlers Alexander Camaro.

Alexander Camaro, von dem überall großformatige Gemälde ausgestellt sind, war ein Multitalent, das im Lauf seines Lebens mehrere Tausend Grafiken und Gemälde anfertigte. Der Maler war auch Hochseilartist, Ausdruckstänzer und Kabarettist, der in der Nachkriegszeit ein gefeierter Star der Kunstszene war. Ausgebildet wurde er von dem bekannten Brücke-Künstler Otto Müller in Breslau. Während des Zweiten Weltkrieges musste Alexander Camaro mit Liselotte Bergmann als Tanzpaar Kamaroff Truppen unterhalten, desertierte aber 1944 und ließ sich dann im zerstörten Nachkriegs-Berlin nieder, wo er das Kabarett „Die Badewanne“ mitbegründete.

Alexander Camaro hat auch die Fenster in der Philharmonie am Potsdamer Platz gestaltet. Diese farbigen Glasbausteinfenster waren es, die den ehemaligen Leibarzt von Richard von Weizsäcker, Thomas Freiherr von Brück, zur Stiftung führten. Weizsäcker zeigte sich bei einer Führung durch die Philharmonie begeistert von den Fenstern und wollte deren Schöpfer kennenlernen.
So kam es, dass Thomas von Brück Alexander Camaro bei Weizsäckers ein halbes Jahr vor seinem Tod kennenlernte und ein enger Vertrauter von Renata Camaro und ihrem Bruder und später Stiftungs-Mitglied wurde. Die Stiftung vergibt auch zielgerichtete Stipendien, wie beispielsweise an die jetzige Kuratorin Anna Krüger, die mit dem Werkverzeichnis von Alexander Camaro promovierte und jetzt wieder vor Ort als Expertin eine wichtige Rolle einnimmt.

Veranstaltungen im Camaro Haus auf einen Blick in chronologischer Reihenfolge:
Ball der Künstlerinnen mit der Berliner Brass Band Schnaftl-Ufftschik und die DJ Miss Vergnügen aus dem Eschloraque, sowie La fille Allumette aus Montpellier, 8. November, 20 Uhr, Tickets 40 Euro, inklusive Begrüßungsgetränke und Fingerfood,
Kostümatelier, Sonntag, 26. Oktober 15 bis 19 Uhr;
Schubertiade II: Die Winterreise, zu Schuberts Todestag, 19. November, 19:30 Uhr
Schubertiade III: Soirée Surrealiste, 11. Dezember, 19.30 Uhr,
Camaro Haus, Potsdamer Str. 98A, 2. Hinterhof, 3. Etage, Mehr zu Programm und Tickets



